Orientalische Musik zur Einstimmung auf den Gottesdienst für die Entschlafenen

Einen bewegenden Gottesdienst für die Entschlafenen erlebten die Geschwister der Gemeinde Meiningen. Ihr Erleben vor und während dem Gottesdienst schildert eine Schwester der Gemeinde.

Freitag und Samstag vor dem Gottesdienst musste ich beruflich zu einer Tagung nach Berlin. Drei Tage vor der Veranstaltung erreichte alle Teilnehmer noch die Information zu einer kleinen Programmänderung: Eine einstündige Führung an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Nach stundenlangem Sitzen für alle eine dankbare Auflockerung der Zusammenkunft. Doch dann waren alle sehr bewegt über das, was der Begleiter berichtete.

Mindestens 138 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Die große Tafel, an der diese 138 Menschen mit Foto, Name, Geburts- und Sterbedatum abgebildet sind, hat alle sehr erschüttert. Der Mitarbeiter der Gedenkstätte berichtete über einige Einzelschicksale: Ein kleiner Junge, der mit seinen Eltern und Geschwistern in Westberlin lebte, hatte an seinem 5. Geburtstag einen neuen Ball geschenkt bekommen. Der Junge spielte mit dem neuen Ball und einigen Nachbarskindern. Als der Ball die Böschung hinab in die Spree rollte, eilte das Geburtstagskind hinterher. Beim Versuch, den Ball mit einem Stock aus der Spree zu fischen fiel er in das Wasser. Die Westberliner Polizei und Feuerwehr versuchte vergeblich, eine Genehmigung für den Einsatz der Rettungskräfte zu erhalten. Die Spree gehörte an dieser Stelle in voller Breite zum Hoheitsgebiet der DDR. Kein West-Berliner wagte sich in das durch Grenzposten scharf bewachte Gewässer. Erst nach 40 Minuten traf ein Grenzsicherungsboot der DDR am Unfallort ein – leider zu spät. Der kleine Junge war an seinem 5. Geburtstag ertrunken. Erst nach der Grenzöffnung wurde bekannt, dass zwei Grenzposten den Sturz des kleinen Jungen ins Wasser beobachteten und sogar fotografierten.

Das jüngste Maueropfer (15 Monate) erstickte auf der Flucht in die Freiheit in den Armen seiner Mutter.

In die Gemeinde Meiningen kommen seit einiger Zeit regelmäßig ein paar junge Syrer zum Gottesdienst. Auch sie waren auf der Flucht, haben in ihrer Heimat und auf der Flucht viel Schreckliches erlebt. Freunde, Verwandte, Bekannte, Kinder haben in Syrien oder auf der Flucht ihr Leben verloren. Ihre Seelen warten auf Erlösung.

Einer der jungen Männer hat in seiner Heimat ein Hochschulstudium für das orientalische Instrument Kanun* absolviert. Zur Einstimmung auf den Gottesdienst spielte er auf seinem Instrument ein Musikstück aus dem Orient, in Erinnerung an die vielen Menschen seiner Heimat, die in den Kriegswirren oder auf der Flucht unerlöst ihr Leben verloren. Der Vortrag war wie ein Ruf in die Ewigkeit: Kommt an den Gnadenaltar, hier werdet ihr Erlösung finden. Auch während des Gottesdienstes kam das Instrument zusammen mit Posaune, Querflöte, Orgel und Chor zum Einsatz und demonstrierte im Zusammenspiel das Verständnis, die Hilfsbereitschaft, das Mitgefühl und die Gebete der Meininger Geschwister für diese jungen Menschen und deren Angehörige.

Sicher kein Zufall: die Einladung zur Tagung, die kurzfristige Programmänderung, das Erleben an der Gedenkstätte Berliner Mauer, die musikalische Einstimmung zum Gottesdienst. Bestimmt wurden in den Jahren seit dem Mauerbau schon unzählbare Gebete für die Seelen, die an der Mauer oder innerdeutschen Grenze ihr Leben lassen mussten, in die Ewigkeit geschickt. Für mich war dieses Erleben Anlass, meine Hände erneut zu falten. Und dann kam am Sonntagmorgen mit dem Kanunvortrag die Verbindung zur Gegenwart, die viele Parallelen zu dem damaligen Geschehen zeigt. Es war noch genug Zeit für ein stilles Gebet …

C.F./K-D.D.

*Kanun – ist ein orientalisches Instrument, gilt als Vorläufer der europäischen Zither. Das trapezförmige Instrument ist aus Holz und mit 63 – 84 Saiten bespannt.